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Hi er bin ich in V e r l e g e n h e i t :
POLITIK P olitiker sin d audh !Alensdhen. D en unseren w irft man allgem ein vor, d a ß es ihnen an V erbindlichkeit und H u m or fehlt.
Deshalb wandten w ir uns m itfolgender H a g e an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens: „H aben Sie nicht einen
IN stillen Jngrimm, ein geh eim es Ä rgern is, d as ihn ihnen, au ßerh alb Ih rer se lb st oder in einer übergeordneten In sta n z liegt,
jenen so w ehen und wunden P un kt, der als stän diger K“ u m m er an Ihnen n agt? V ielleich t käm pfen Sie auch m it einer
Stößdeid'fzem eigenen kleinen Schwäche in Ihrem politischen L eben, die hier, in G elassenheit vo rzu tra g en , Ihnen V ergnügen m acht.11
A ls erste Zuschriften bringen wir ihnen die von H a u Louise Schroeder, Oberbürgerm eisterin von Berlin, Dr. Ekard,
^Ministerpräsident von Bayern, und H a u M artha Puchs, Plüchtlingskommissar im Land HiederSachsen, O b w eitere
Zuschriften folgen?
Louis e Sc h r o e d e r : DIE STADTMUTTER
Ehrlich g e s a g t, bin ich täglich m eh r als einm al in V e rleg e n h eit, und z w a r b e s o n d e rs , w e n n ich m eine Post durch-
sehe. Da kommen Briefe zum Oberbürgerm eister — ach, nein, sie kommen wohl zur O berbürgerm eisterin —,
in d e n e n p e rsö nlic h e N ö t e s te h e n — wichtig, u n g e h e u e r , wichtig fü r d e n S c h re ib e r — a b e r d e r E m p f ä n g e r ? Ich
will nicht von d en Briefen reden, in d en en eine h ö h e r e ' Lebensm ittelkarte, ein P a a r Schuhe, eine erträgliche
W o h n u n g , Einweisung nach Berlin und vieles a n d e r e g e f o r d e r t wird. W e n n ich mich auch m anchm al f r a g e ,
wie es mir e rg ehen w ürde, w enn solche Briefe auch nur von einem Zehntel d e r 334 Millionen Einwohner
Berlins kom m en w ü rd e n , ich w ü r d e w ohl d a rin ertrinken. A b e r zum Glück ist d e r P ro z e n ts atz doch nicht
ganz so hoch. •.
Aber wenn ein Schotte eine deutsche Frau haben möchte — blond, schlank, nicht zu alt, nicht zu jung, so wird
es schon schwieriger. W enn eine Frau einen Schneider sucht, d er die Hose des gefallenen Mannes für den
aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Sohn ändert; wenn ein altes Mütterchen bitterlich schluchzend
v o r m ein er Tür z usa m m enbricht, weil es sich mit seiner M itb ew o h n erin nicht v e r tr a g e n kann — ja, d a n n bin ich
in V erlegenheit. U nd w e n n ich plötzlich zum W e ih n a c h ts m a n n d e g r a d i e r t — o d e r wohl b e sse r g e s a g t — e r Â
h o b e n w e rd e , und alle Briefchen, die die Kinder an ihn richten und gläubig in den Briefkasten stecken, bei
mir lan d e n , d a n n w ird d ie s e V e rle g e n h e it noch g r ö ß e r. W ie schön w ä r e es, k ö n n te ich all die kindlichen
W ü n s c h e nach P u p p en , K a s p e r le th e a te r , S ta b ilb a u k ä s te n erfüllen! O d e r w e n n ich sie w e n ig s ten s alle mit d e n
e r s e h n t e n B onbons, S c h o k o l a d e , Kuchen s a ttm a c h e n k ö n n t e . ---------------Ich w ü r d e sie a lle zu mir la d e n , und ich
g la u b e , ich w ä r e d a n n noch glücklicher als die Kinder selbst. Die richtige V e rleg e n h eit kom mt a b e r erst d a n n ,
w en n ein kleines M ädel um ein P a a r Schuhe für sich und eines für ihr Brüderchen bittet!
. . . „Als Frau z u r Frau in m ein e r höchsten N o t " — „ n ac h d em ich a lle W e g e um sonst g e g a n g e n bin, k o m m e
ich zu I h n e n " so beginnen zwei Drittel aller Briefe. Ja, als Frau zur Frau, darin liegt wohl des Rätsels
Lösung, und d a s ist ja auch d a s G u te d a r a n , d a ß die Frau im M ag istrat nicht als R espektsperson, wie frü h er
der Oberbürgerm eister oder der Stadtrat, angesehen wird, sondern als ein Mensch, dem man sein Herz aus-
schütten kann. Umsonst sind diese Briefe auch dann nicht geschrieben, wenn man nicht immer helfen kann.
Sie b e d e u te n einen Inbegriff d e r heutigen Schwierigkeiten, und es ist gut, sie immer w ie d e r den v e ra n tw o rtÂ
lichen M enschen n a h e z u b rin g e n . Freilich, die Frau, die sie erhält, g e r ä t d a d u rch nicht nur in V erlegenheit,
sondern es wird in ihr manche Saite zum Klingen gebracht, die es ihr manchmal schwer macht, die politischen
Dinge nur mit dem Verstand zu beurteilen. Daraus freilich kommen neue Verlegenheiten, denn der männliche
Kollege v e r s t e h t d a s vielleicht nicht so gut. Er ist a u s h ä rte r e m Holz g esch nitzt — vielleicht a b e r auch tut e r
nur so, denn e r hält es für unmännlich, weich zu erscheinen. Doch d a rü b e r wollen wir lieber nicht mehr sagen.
Die M änner haben es nicht gern, wenn ihnen klar wird, d a ß wir etw as gemerkt haben.
Dr. Ehard: ÜBER BAYERISCHE M Ä R C H E N
Ich g la u b e , d ie Je tz tz e it bringt jed e n in d e r Öffentlichkeit s t e h e n d e n M a n n Bayerns in die V e rlegenheit, nur
schw er e in e n A u s w eg zwischen W o lle n und V ollbringen finden zu k önnen, und ich fürchte, noch lange in ihr
bleiben zu müssen.
W a s a b e r s a g e n Sie zu d e r V erleg en h eit, in die ich stän d ig d a d u rch kom m e, d a ß unsere bayerische Heim at
m e h r und m eh r in d e r M e inun g d e r Öffentlichkeit zu einem M ä rc h e n l a n d a u s 1001 N a c h t w i r d ? Die M enschen
gla u b e n ja zu gern an M ärchen und lassen sich nur schwer aus dieser bunten W elt in die rauhe Wirklichkeit
zurückrufen. So sieht m an weithin h e u te noch in Bayern Milch und Honig fließen, fettes Vieh und w eiß es Brot
d e m N o r m a lv e r b r a u c h e r in u n e rm e ß lic h er M e n g e zur V e r f ü g u n g ste h en und, ach, m an will es mir nur nicht
g la u b e n , w e n n ich s a g e : es w a r einm al.
Andere w ieder sehen Bayern nicht minder märchenhaft, dafür a b er träum en sie w eniger von realen Genüssen,
sondern von romantischen Ereignissen, die sich bei uns abspielen. Sie wissen zu berichten von heimlichen
Verschwörungen in düsteren Klöstern, in denen finstere, durch Kapuzen verhüllte Mönche w andeln und denen
vermummte Regierungsm änner, den Dolch des Separatismus im schwarzen Busen verborgen, geheimnisvolle
Ränke spinnen.
Sehen Sie, solche Märchen zu w iderlegen, bereitet mir wirkliche Verlegenheit, weil die Menschen, und unter
ihnen auch die Politiker, nur schwer ein seh en wollen, d a ß die lie b en sw ü rd ig en Kinder ihrer Phantasie in Wahr-*
heit nur W echselbälger sind.
M a r t h a F u c h s : I C H WILL KEIN H E R R S E I N
D a ß ich a u f Ihre F ra g e a n tw o r te n soll, b rin g t mich schon in die g r ö ß t e V e rleg e n h eit. Ich kann es mir eigentlich
nicht leisten, m eine kleinen S chw ächen d e r Öffentlichkeit p r e is zu g e b en . N atürlich h a b e ich v u n d e Punkte, die
mich mit Ingrimm erfüllen — wie Sie s e h r richtig v e r m u te te n . Ich m öchte mir m an c hes von d e r Leber re d e n ,
wie eine sattsam b e k an n te Redensart so verlockend ermuntert. A b er es geht wirklich nicht, jetzt noch nicht.
Vielleicht s p ä t e r einm al, w e n n ich nicht m eh r — auch, d a fällt mir ein: ich h a b e Ihnen noch g a r nicht g e s a g t,
d a ß ich e in e h o n o r i g e A m tsb e ze ic h n u n g füh re. Ich bin ein S ta a tsk o m m is sa r. D a r u n te r stellt sich d e r g e w ö h n Â
liche Sterbliche meist e in e n b ä r ti g e n G e w a lt i g e n vor, m in destens a b e r e in e n U n f e h lb a r e n . Ich a b e r bin b e id e s
nicht. O nein, ich bin ein S ta a ts k o m m is s a r w eiblichen Gesc hlechts. S o l a n g e ich mich zurückentsin ne, w a r in
Deutschland noch nie eine Frau au f einem solchen Posten. Mich hat es erwischt! Allgemein wird beh au p tet, e r
lä g e mir, d e r S ta a tsk o m m is sa r. Ich bin a u f d e m b e s t e n W e g e , e s zu g l a u b e n . So ist sc he in ba r alles in b e s t e r
O rd n u n g . Bis a u f d e n am tlichen Schriftverkehr! Also s t e h e t g e s c h ri e b e n : Mit d e m H e r r n N ie d ersächsischen
S ta ats k o m m is s a r w u r d e v e r e i n b a r t usw. Das m uß ich lesen, o b w o h l ich v ie r u n d z w a n z ig Stunden v o rh e r mit
dem Schreiber in p e rso n a v e rh an d e lte und ihm doch eigentlich keine Zweifel an m einer W eiblichkeit kom men
ko nnten. W a r u m in a lle r W e l t will m an in d e r A m tsspra c he nur d e n Herrn k e n n e n ? Es sollte doch inzwischen
auch in d e r dunkelsten Amtsstube b e k a n n t sein, d a ß gelegentlich auch Frauen in die „allerhöchsten Ä m ter
steigen. __ ...
Das w ollte ich einmal g e s a g t h a b e n ! Vielleicht w e r d e n diese Zeilen von einem frischen Luftzug auch in e inige
A m tszim m er g e w e h t und s o g a r richtig v e r s ta n d e n . D ann w ä r e mir w o h le r, d e n n ich will kein H e r r sein —
auch kein amtssprachlicher.

