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A N N E D O R E LEBER                                                                                                                       m it seiner U nentrinnbarkeit v o r einem politischen
                                                                                                                                            Entschluß — denn keinen zu fassen, kann zum ge­
  POLITI l<- ohne Aktion                                                                                                                    fährlichsten werden — muß gew ahrt und verte id ig t
                                                                                                                                            w erden das Verhältnis von Mensch zu Mensch.
V o r einigen W ochen stand v o r dem Schalter einer                 M it dem erwachenden G efühl tiefster V e ra n tw ort­
D ienststelle eine Frau. Sie legte ihren Ausw eis v o r.             lichkeit fü r das, was man sagt und tut, beginnt die                   W o h in unser suchender Blick gle ite t, sehen w ir
D er Beam te b lickte d a ra u f und sah sie dann w o h l­           G e b u rt des politischen Menschen, ohne daß er sich                  nur Bedrohliches. Unsere Fragen an das Geschick
w o lle n d p rü fe n d a n : „A ch , ich habe Sie m ir anders       dessen selbst schon bew ußt g ew orden sein muß.                       v e rh a lle n im W in d . M anchm al scheint es uns so,
v o rg e s te llt. Eine Frau in d e r P o litik ? !!"                Unser ganzes Leben besteht aus tausend kleinen                         als w o llte die e w ige Düsternis über uns herein­
                                                                     politischen Einzelheiten. P o litik umspannt unser                     brechen. Der W e g aber fü r uns aus N o t und
In diesem kurzen Satz scheint m ir sehr vie l zu                     Dasein vom M o rg e n bis zum A b e n d . O b man in                   Furcht, V e rzw e iflu n g und K atastrophen kann nur
lie g e n , denn e r b e rü h rt ein Them a, über das es             Ruhe und Sicherheit schlafen kann, ob man hungern                      d ie H offnung sein, daß der M e n s c h doch lebt,
a lle rle i zu sagen g ib t. W ie denn ste llt sich d e r            und darben muß oder die Wünsche e rfü llt sehen                        d e r in Seiner Lebensw urzel w a h rh a ft politische
M ann, der zw e ife llo s ein guter, durchschnittlicher              d a rf, die erst dem Leben den lockenden Reiz v e r­                   Mensch. Denn er ist es, d e r zugleich respektieren
deutscher Staatsbürger w a r, eine Frau in der Poli­                 le ih e n : alles ist P o l i t i k ! Doch in dem Dasein               und Nachsicht üben kann, dessen Gesinnungstreue
tik vor? M it kurzgeschnittenem Flaar oder dick-                                                                                            fest verw urzelt und dessen V erantw ortungsbew ußt­
aufgestecktem Zopf? M it scharfem Gesicht und                                                                                               sein umfassend ist. Ein in dieser Idee menschlich
stechenden Augen o d e r m it herabrutschendem Rock                                                                                          p o litis c h e r Sinn sieht a u f das W e se n tlich e . Er w eiß ,
und schiefem Blusenkragen?                                                                                                                   daß taktische Streitereien zum Schweigen kommen
                                                                                                                                             müssen, w o es um G roß es und Entscheidendes
                                                                                                                                             geht. In je m ehr deutschen S taatsbürgern er e in ­
                                                                                                                                             zie h t, um so eher kann uns g e h o lfe n sein.

Für den Deutschen w a r und ist — hoffentlich b le ib t              ^ )c r                                                    n X )c g ene O ^O e li
es nicht so — P o litik eine A k tio n . Er fin d e t in sich
ke in gutes und selbstsicheres V e rh ä ltn is zu ihr. In            Die Amerikanerin Elizabeth G ilm o re Holt schreibt den deutschen Frauen
stumm em H a d e r le b t er m it dem Staat, in dem er
etw as M onströses, außerhalb seiner eigenen Sphäre                  A ls ich das o ffiz ie lle Schreiben des W a r D e p a rt­             Deutschland stehen Sie v o r e in e r A u fg a b e , die
Liegendes und gegen ihn G erichtetes sieht. Es ist                   m ent (des Kriegsm inisterium s) e rhielt, w o rin m ir                keine P a ra lle le hat. N ichts in Ih re r T ra d itio n hat
ihm nicht v o ll in das Blut e in g e ga n g e n , sich selbst       und meinen Kindern die Erlaubnis e rte ilt w urde,                     Sie fü r d ie Ü be rn a h m e d e r Rolle, d ie Sie heute
als ein Stück Staat zu füh le n als das selbsttätige                 zu meinem M an n nach Berlin zu reisen, habe ich                       spielen müssen, vo rb e re ite t. Sowohl die A u ffa s ­
kleinste G lied einer großen, alle Bürger, alle A u f­               versucht, m ir durch Lesen von illu strierte n Z ei­                   sungen Ihrer Kirchen als auch die Ihrer Ehemänner
fassungen, Regierung und O p p osition umfassenden                   tungsartikeln, durch Unterhaltungen mit zurück­                        h ie lte n Sie fe rn vo n den A n g e le g e n h e ite n d e r
M asch in e rie , d ie durch sein Dazutun g u t o d e r              gekehrten Soldaten und durch W ochenschauen eine                       Ö ffe n tlic h k e it und w ie g te n Sie in d e r Sicherheit
schlecht fu n k tio n ie rt. S o bald es den Staat o d e r das       V orstellung von Berlin und dem Deutschland von                        d e r eigenen Sphäre — Ihrem Heim . Es w u rd e m ehr
ö ffe n tlic h e Leben b e trifft, fe h lt ihm ein inneres           heute zu machen. Das andere, frühere Deutsch­                          o d e r w e n ig e r angenom m en, da ß Sie alle s,' was
G le ich g e w ich t. Je d e r 'p o litisch e A k t ist fü r ihn     land ha tte ich v o r Jahren bereits als Austausch­                    außerhalb Ihrer vie r W ände geschieht, den b e ­
irgendw ie verbräm t m it Banner, Abzeichen und                      studentin kennengelernt. Einige M onate später,                        fä h ig te n Händen Ihrer M änner zu überlassen
 D em onstration. So geht er der P o litik aus dem                    an einem ka lte n , g rauen O k to b e rta g , fu h r ich             hätten. N u r w ährend der kurzen Frist der W e i­
W e g o d e r b e tre ib t sie w ie ein Besessener m it              durch die Straßen Berlins. Die schwarzw eißen,                         m a re r R epublik w a re n Sie im stande, Ihre Fähig­
einem verbissenen Ernst, w e il er nicht das heitere                  z w e id im e n sio n a le n F o to g ra fie n , d ie ich daheim      keiten a u ß e rh a lb dieser Sphäre u nter Beweis zu
 Lächeln kennt, das auch nicht vo r dem geheiligten                   so e ifrig stu d ie rt hatte, w a re n in ke in e r W e ise eine      stellen und durch Ihren Einfluß die Verabschiedung
 Ich haltm achen w ird . Und das g e ra d e ist es, was               zureichende V orbereitung a u f die ü berw ältigen­                   von neuen, grundlegenden Gesetzen durchzusetzen,
 in das politische Leben der Deutschen so viel G ift,                 den, g rotesken und la u tlosen Ruinen gewesen. Das                   die Ihre G rundrechte sichern. W ä h re n d der z w ö lf
 so viel unberechenbare Schärfen trägt. W e r be­                     Chaos der Zerstörung muß e rleb t w erden, denn kein                   H itie rja h re w u rde n Sie o ffiz ie ll angew iesen, sich
 sessen ist, sieht ü b e ra ll einen geheim en Feind.                 gedrucktes W o rt und keine A bbildung kom m endem                     m it Kindern, Kochen und nochmals Kindern zu be ­
                                                                      direkten Eindruck der eigenen Sinnesorgane gleich.                     fassen. Selbst w ährend des Krieges gestattete man
 Daraus aber entspringt die ständig latente Un­                                                                                              Ihnen nicht, w ie den Frauen in A m e rik a , England
 duldsam keit gegen die andere M einung.                              A ls am erikanische H a usfrau lebe ich nun in e in e r
                                                                      amerikanischen Gemeinschaft, die von der deut­                         und Rußland, in v ö llig e r G le ich b e re ch tig u ng in den
 W e n n doch d e r Deutsche b e g riffe , w ie n o t uns             schen W irts ch a ft so unabhängig w ie m öglich ge­                   F abriken zu a rb e ite n . N un stehen Sie verlassen
 eine politische Selbstverständlichkeit tu t! Näm lich                halten w ird . M eine Kinder besuchen eine am e rika ­                 in m itte n d e r Ruinen ih re r Heim e. A u f Ihnen a lle in
 das feste Ruhen in e in e r von je d e r Berechnung                   nische Schule. A lle unsere G ebra u ch sg ü te r und                 la ste t d ie Bürde, fü r Ihre Lieben zu sorgen und sie
 fre ie n Gesinnung, das Um hülltsein des Wesens von                   N ahrungsm ittel kommen aus Am erika oder jeden­                      zu beschützen. Die W ä n d e Ihres Heimes, w o Sie
 ein e r Erkenntnis, fü r die man einerseits, was da                  fa lls von jenseits der deutschen G renzen und w e r­                  sich einst so g e b o rg e n fü h lte n , sind im Chaos, des
 auch kommen mag, geradesteht, mit der man aber                        den uns in beg re n zte n M engen in unseren e ig e ­                 Krieges geborsten. K ü n ftig w e rd e n Sie in e in e r
  anderseits nicht immer laut herausfordernd und                       nen Läden ve rka u ft. W ir haben eigene Klubs und                     neuen W e lt leben, d ie Sie sich selbst w e rde n
  aggressiv den entgegengesetzt Gesonnenen zum                         U n te rh a ltu n g sstätte n . A u ß e r im K o n ta kt m it unse­   schaffen müssen. D e rW e g in diese neue W e lt ist g e ­
  W iderspruch reizt.                                                  ren deutschen Hausangestellten kommen w ir w enig                      kennzeichnet durch A rb e it und die Kam eradschaft,
                                                                       m it dem Dasein d e r Deutschen in Berührung und                       d ie jedes gem einsam e U nternehm en m it sich b rin g t.
  W ie d e r M ann im täglichen Leben den gra u e n ,                  leben w ie h in te r e in e r G la sw a n d . Es ist g a r nicht
  unauffälligen Anzug trägt, w ie von der modernen                     einfach, aus dieser Isolierung herauszukommen.                         H eute be re its ü b e rtre ffe n Sie z a h le n m ä ß ig die
  Frau eine gewisse äußere Pflege als selbstverständ­                  Einigen von uns ist es ge lu n ge n , sie zu durch-                    M ä n n e r als A rb e its k rä fte a u f dem Feld und in den
  lich g e fo rd e rt w ird , sollte auch das politische G e ­         brechen, angetrieben von dem Bestreben, den                            S tällen, o b g le ich in den lä ndlichen G e b ie te n der
  w and des Menschen u nauffällig, aber ebenso                         deutschen K indern und Jugendlichen zu helfen und                      Frauenüberschuß w e n ig e r kraß ist als in den G ro ß ­
  selb stve rstä n d lich sein. Als solches w ird es dann              das Land rings um unsere kleine „In s e l" kennen­                     städten. Dennoch bleiben Besitz und Betriebsfüh
  nicht das N atürlich - Menschliche, die Töne des                     zulernen. W ir selbst haben dazu die In itia tive                      rung der Bauernhöfe aus a lte r G e w o h nh e it in den
  Herzens ersticken, jenes aus der Tiefe der Seele                     e rg riffe n , sie entsprang einem in A m e rika e n t­                Händen d e r M än n e r, o b w o h l Sie sich w ä h re n d
  quellende Bemühen, den anderen anzuhören und                         wickelten Verantw ortungsbew ußtsein fü r das, was                     des Krieges in leitenden Stellungen durchaus be
   zu verstehen. Respekt vor der anderen Ansicht!                      sich a u ß e rh a lb unseres Heim es ab sp ie lt. B e g re if­         w ä h rt haben. In den nächsten fü n f Jahren w e rde n
   Es ist sicher w e rt, ihn zu üben, denn d ie M einu n g                                                                                    d ie jungen deutschen Frauen zwischen 20 und 30
   des anderen schützt uns v o r eifier^neuen T ota litä t.             licherweise sind viele A m erikanerinnen durchaus                     die Reihen der Ind ustrie a rb e ite r a u ffüllen und die
                                                                        zufrieden, hinter der G lasw and zu verharren.                         Plätze jener M änner einnehm en, die g e falle n sind.
   W ie uns auch d e r W e g vo rg e ze ich n e t sein m ag,                                                                                  Sie w e rd e n d e r e in zig e Ernährer sein fü r den Teil
   w elche W ü rfe l über unser Schicksal g e fa lle n sein             Ich ve rd a n ke es deutschen Freunden und meinem                     d e r Fam ilie, d e r Ihnen v e rb lie b e n ist. ü b e rk o m ­
   m ögen: ü berall treffe n w ir ihn, den anderen. Soll                V e rtra u tse in m it d e r Sprache, daß ich etw as vom               mene G e w ohnheit ve rh in d e rt Ihre Einstellung als
   er uns näher^odpr fe rn e r stehen: Die Stimme des                   deutschen Leben kennenlernen konnte. Ich konnte                        L ehrling in so manchem H a n d w e rk , das Sie ohne
   Menschen, die w a h r und ehrlich klingt, die zu über­               deutsche Kinderheim e, Krankenhäuser und F abri­                       körperliche N achteile ausüben könnten, und ver­
   zeugen und nicht herabzusetzen versucht, w ird ihn                   ken besuchen. W ä h re n d d e r e lf M o n a te , d ie ich            sagt Ihnen gleichen Lohn fü r gleiche A rb e it sowie
   berühren. Auch der G egner kann von einer tiefen                     h ie r bin, habe ich v ie le d e r P roblem e kennen­                  d ie v ö llig e G le ich b e re ch tig u ng in den G e w e rk ­
   Ü berzeugung getragen sein, vie lle ich t rin g t er nicht           g e le rn t, m it denen sich die deutsche H au sfra u ,
   w e n ig e r darum als w ir, das G ute zu finden. W 0 '              die M utter, das junge M ädchen und die Fabrik­                        schaften.
    h e r nehmen w ir also das Recht zum Z w e ife l in ih n .          a rb e ite rin h e ru m plagen. Je tzt w e iß ich, w ie 9 rpß
                                                                        — ja, beinahe unüberwindlich — Ihre Schwierig­                         V ie lle ic h t können Sie sich Ideen und Einrich­
    D ie Z e it v e rfü h rt uns dazu, da ß w ir uns selbst im m er      keiten sind, und ich bin m ir bew uß t, da ß w ir                     tungen n u tz b a r machen, d ie Sie in A m e rik a
    im M ittelp u n kt des Geschehens sehen. A b e r kein               am erikanischen Frauen w enig tun können. Ihnen                        und in a n deren Ländern fin d e n. In unseren
    U m stand e n th e b t uns d e r Rücksicht a u f jene, d ie          b e i d e r Ü b e rw in d u n g zu he lfe n. A ls Frauen in            Gemeinschaftsschulen, in denen kein Schul­
    m it uns leben, d e r G ew issenspflicht, zunächst d ie                                                                                    geld erhoben w ird , werden Knaben und M äd-
    eigenen W o rte und Taten zu prüfen, des V erant­
    w ortungsgefühls eines Menschen, der weiß, daß
    sein V erhalten die H altung der U m w elt bestimm t.
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