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BESUCH                                                                                                                 :
BEI
LADY
ROBERTSON

Gattin des britischen
Militärgouverneurs in Deutschland

A u fn ahm e: Privat

Jm Sonnenlicht des schönen Spätherbsttages führt der W eg an Feldern                                                   Ich b e t r a c h t e d e n a u s d r u c k s v o lle n M u n d , d e r sicherlich viel zu e r z ä h l e n w eiß.  If
         und W ie se n vorbei, auf d e n en gemächlich Vieh w eidet. Lustig rote Dächer                                „Ich liebte S üdafrika", sa g te Lady Robertson. „M an lebt ang en eh m und leicht
          leuchten über dem Grün der ländlichen Ebene. Da und dort taucht ein                                          als Frau in diesem Land." „ G o o d p e o p le und h o n o ra b le m en" nennt sie die                             itii
         Dorf auf, bis da n n unm ittelbar vor dem Ziel aus d em zuletzt zu passierenden                               Zulus. „ Je d e r Mensch", meint sie, „verhält sich so, wie man ihm e n tg e g e n ­
  D orf die S tra ß e in die A uffahrt zu einem G utshaus m ündet.                                                     kommt. lind d e n Zulus ist d ie natürliche W ü r d e d es G e n tle m an zu eigen.                                i
  Ein d e u ts c h e r Polizist h ä lt u n s e r e n W a g e n a n : W i r m ü sse n uns b e i d e r e n g ­           Infolgedessen h a b e n sie sich immer gern und gut in die englischen H aushalte
  lischen W ache melden, und ohne weitere Formalitäten w erden wir an das                                              eingefügt."                                                                                                        .
  W o h n h a u s v erw iesen, in d e m die Familie d e s G e n e ra ls Robertson in d e r                             Sie schildert den W echsel von dort nach Berlin, vor allem den so großen
  N ähe von Osnabrück die Ferien verbringt.                                                                            Einschnitt, a u s d e r S p h ä re eines p riv aten Lebens in d ie Ä ra offizieller V er­                          ;*
  Beim Betreten des g ro ß en luftigen, reich mit Blumen geschmückten Raumes,                                          pflichtungen überzuw echseln. „Ich bin in Berlin sehr beschäftigt", erklärt sie
  um dessen Kamin sich Sofa und Sessel gruppieren, fühlt man sofort, d a ß man                                         mir, „schon durch die A ufgaben meines M annes, die ständig Besuche und                                            ■ji
  G a s t e in e s en g lisc h en H a u s e s ist.                                                                     G ä s t e zu uns führen. W e n n ich mit ihm F a m ilien fra g en b e s p re c h e n will, ist                     •-ii
  Ich h ö r e e in e w e ic h e , s o n o r e Stimm e. Eine M in u te s p ä t e r b e g e g n e ich Lady               d e r ein z ig e Platz, w o wir d a z u Ruhe finden, d a s Flugzeug. A b e r mich
  R o b e rts o n . Es blickenw a r m e , d oc h f o r s c h e n d e A u g e n a u f mich, a u s e in e m              b e s c h ä f tig t auch s e h r d ie P aten s ch a ft, d ie ich ü b e r d a s S p a n d a u e r W a l d ­         |
  Gesicht, das von braunem weichwelligem Haar umrahmt ebenso fraulich wie                                              krankenhaus mit 1500 Betten übernom m en habe. Die Kinder des Kranken­
  lebhaft wirkt und die harmonische Ergänzung zu der dem freundlichen Tag                                              h a u s e s k o n n te n W e i h n a c h t e n reichlich b e s c h en k t w e r d e n , n ach d e m ich einen
  e n ts p r e c h e n d b u n t g e k le i d e t e n G e s t a lt ist.                                                Brief in d e r »Times« veröffentlichte und um S p e n d e n für diese kleinen
  Es schein t a lle s in d e r U m g e b u n g d i e s e r Frau e infa ch und se lb stv e rs tä n d lic h              P a tie n te n b a t. Es liefen so v iele G a b e n d a r a u f ein, d a ß wir m e h r e r e K ind er­
  zu sein. W ir trinken im Kreis d e r Familie Tee, an dem einige Feriengäste                                          krankenhäuser weihnachtlich versorgen konnten. Geschenke dieser Art laufen
  und die Erzieherin der jüngsten Tochter, Fiona, von Lady Robertson teil­
  nehmen.                                                                                                              noch immer weiter ein."
  Fiona, d ie n e u n jäh rig e, ist ein e en erg isch e kleine Person, d ie in Berlin d ie                            Als a lte Pfadfinderin führt Lady R obertson d ie englische P fa d fin d e rg ru p p e in
  englische Schule besucht. A ber sie liebt auch ihre deutschen Spielkam e­                                            Berlin. Sie hofft sp ä ter über diese O rg a n isatio n auch gute Kontakte zu
  radinnen, deren W ünsche und Rechte sie laut im Kreis englischer Freunde                                             deutschen Kreisen herzustellen. „Ich fühle mich lange mit dieser Bewegung
  vertritt. Ihre ä l t e s t e Schw e ste r, Christine, im A lter vo n 21 J a h r e n , k o n n t e d ie               verbunden, aus menschlichen wie auch aus sportlichen Gründen." Auf meine
   Ferien nicht feilen, weil sie in Berlin in d e r Legal-Division b e sc h äftig t ist.                               Frage, welchen Sport sie bevorzugt, nennt sie mir Tennis, Segeln und Golf,
  Dafür nimmt der 17jährige Ronald, Schüler einer englischen public-school, an                                         w as mir w iederum sehr charakteristisch für diese Frau zu sein scheint. Denn
  d er Ferienzeit d er Familie teil.                                                                                   alles, was Lady Robertson umgibt, spricht von bester englischer Tradition.
  Lady Edith R obertson ist in Schottland g e b o r e n . Schon 1920, selbst noch                                      Doch, w a s m a g es se in, w a s h in te r d e r z u r ü c k h a lt e n d e n A rt v ib rie r t? Es fällt
  Schülerin, trifft sie mit dem jungen H auptm ann d e r Royal Engineers Brian                                         das W ort Musik. Ihre Stimme erhält noch einen tieferen Klang. Sie spricht
  Hubert Robertson in d e r Königlichen M ilitä ra k a d e m ie S andhurst zusam m en.                                 von den großen deutschen Musikern, von denen sie Bach, Brahms und
  Sie h e ir a te n 1926 und l e b e n z u n ä c h s t in B uckin gham shire. Es f o l g e n z w ei                    Schubert am meisten schätzt. Beider letzterer Lieder singt sie besonders gern.
  Jahre Genf, w o d er heutige G eneral im Rang eines M ajors als Mitglied d er                                        Und mädchenhaft stolz erzählt sie, d a ß Gieseking Gast ihres Hauses war.
  britischen Militärmission an der Entwaffnungskonferenz teilnimmt. Danach                                             „Es gibt eine so gute und schöne Seite in Ihrem Volk", sa g t sie zu mir, „es
  v e rlä ß t er die A rm ee und g e h t als G eschäftsm ann im A uftrag d e r Firma                                   gibt W erte bei Ihnen, um die wir sie immer beneidet haben. Hitler hat die
  Dunlop nach Südafrika.                                                                                               h ä ß lic h e b ö s e Se ite nach o b e n g e k e h r t . Ich bin fro h ü b e r d e n Eindruck, d a ß
  D u rb an ist d e r neu e W o h n o r t, in d e m die Familie glückliche J a h r e verbringt.                        sich allmählich w ie d er die bessere Seite v o rd rängt, nämlich mit jenen, die sich
  Der Krieg ruft jedoch Sir Brian R obertson in die Heim at zurück. 1940 tritt er w ie d e r                           h e u te d a ru m bem ü h e n , Ihr Land w ie d e r in O rd n u n g zu bringen. M eine liebste
  in die A rm e e ein, wird kurz d a n a c h von G e n e ra l C unningham zum Chef d e s                               Lektüre sind historische und politische Bücher. Ich h a b e mich viel mit Ihren
  V e r w a lt u n g s d i e n s t e s d e r 8. A r m e e in N o r d a f r i k a e rn a n n t. S e in e Frau b leib t  P ro b le m e n und F ra g e n b e f a ß t. Und ich m eine, d a ß Ihr Volk keinen A n la ß
  mit d e n Kindern bis zum Ende d e s Krieges in D urban zurück.                                                      zum V erzag en hat. Respektvoll sehen wir alle a u f Berlin. Der Geist, d e r von
                                                                                                                       d i e s e r S t a d t a u s g e h t, d a r f Ihre Hoffnung a u f e in e b e s s e r e Z ukunft sein." A- L
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