Page 4 - mosaik11_48
P. 4

m sm                                    C hristuskopf. „U ng a rn kre u z" in St. Severin

          :: :                                                                                                       in K öln, Lindenholz, A nfa n g des 14. Ja hr­

. „t-l  fei Sfe                                                                                                      hunderts.  A ufn a hm e : M a rb u rg e r Foto

                                                          : :: :::: •• •:::  lllllllilllll

                                                                                                                     kommt gar nicht darauf an, ob ein solcher Mensch
                                                                                                                     Fehler begangen ha t; keiner ist fre i von Irr-
                                                                                                                     tümern und unterliegt verhängnisvollen Trug­
                                                                                                                     schlüssen; aber nur der Fanatiker gönnt w eder
                                                                                                                     sich noch anderen Zeit, diese Fehler zu k o rrig ie ­
                                                                                                                     ren; in blindem Haß g re ift er zur W a ffe , und je
                                                                                                                     edler und humaner das Herz, das von seiner
                                                                                                                     Kugel durchbohrt w ird , um so verheerender die
                                                                                                                     Folgen fü r ganze Völkerschaften und für die ge­
                                                                                                                     samte Menschheit.

                                                          wissen nicht, w er der erste w ar, der die Hand            Eine gewisse A rt von Menschen fin d e t nicht nur
                                                          zum Totschlag eines solchen Menschen erhob; sein           ihre tiefste Befriedigung darin, „das Strahlende
                                                          Name wurde nicht überliefert und seine verruchte           zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu
                                                          Tat fiet der Vergessenheit anheim. Selbst den              ziehen", sondern w ill den M ord, die Vernichtung
                                                          G öttern aus der Frühzeit der V ölker w ar dieser          des Gegners, seine physische Ausrottung. Und
                                                          Fanatismus nichts Fremdes. Auch unter ihnen                wenn man die Krankheitsgeschichte dieser Vernich­
                                                          — so künden die Sagen — gab es solche, die                 tungsmanie schreiben w o llte , müßte man schon
                                                          davon besessen w aren und blind gegen die g ro ­           rettungslos in V o ru rte ile verstrickt sein, wenn man
                                                          ßen Prinzipien geistiger und sittlicher O rdnung           nicht alsbald den blin d w ü tig e n N ationalism us als
                                                          wüteten. Denn imm er geht es in diesem Kam pfe             eine der stärksten W urzeln dieses pathologischen
                                                          um O rdnungsprinzipien; der Haß der Fanatiker              Verhaltens erkennen würde. W ir wissen, daß dieses
                                                          trifft jene G eister, die diese Prinzipien durch           Übel über die ganze W e lt ve rb re ite t ist und die
                                                          W o rt und Tat vertreten und ihr ganzes Leben              schlimmsten Fanatiker erzeugt, hier bei uns und
                                                          hindurch nach ihrer V erw irklichu ng streben.             in anderen Ländern, daß es ep id em ie ha ft a u f­
                                                          Sokrates erfuhr diesen Haß, und seit seinem Tode           zutreten pflegt und zu den abscheulichsten Aus­
                                                          liegt ein Schatten über der antiken W e lt, und der        schreitungen führt, einzelne und ganze Massen
                                                          Fluch b lieb w irksam bis in unsere Tage. Noch             ergreift, alle G ebote der Menschlichkeit und Sitt­
                                                          sind die Schüsse, denen B ernadotte, de r V e rm itt­      lichkeit umstößt und meistens m it einem Blutbad
                                                          ler de r U N im P alästinakonflikt, zum O p fe r fiel,     endet.
                                                          kaum v e rh a llt; noch ist de r Hügel frisch, unter
                                                          welchem die sterblichen Überreste des Mannes               Es g e hö rt zur T ragö die de r Menschheit, daß sie
                                                          ruhen, de r durch seine T ä tig ke it im Roten Kreuz
Der Fanatismus und auch seine häufigste Folge­            zur Linderung der N o t in vielen durch Kriegs­            diesen Fanatismus anscheinend nicht überw inden
erscheinung, der politische M ord , beide sind a lt w ie  handlungen und andere Katastrophen verw üste­
die W e lt. Der blinde Eifer des Fanatikers hat schon     ten Ländern be ig etrage n hat, und schon fürchtet         kann. Immer w ieder flackert er, bald hier, bald
in biblischen Tagen Unheil angerichtet und                man, wenn man eine Zeitung aufschlägt, w ieder
Schrecken verbreitet. Seitdem glüht das Kainsmal          a u f eine ähnliche N achricht zu stoßen; denn es          dort, auf. A ber die Sache, für welche diese
der Bruderm örder w ie ein blutiger Stern am Him­         ist w o hl in der heutigen Zeit niemand verhaß ter
mel. Es leuchtet über den antiken Stadtstaaten            als die paar M änner, die furchtlos und uneigen­           M änner m it ihrem Leben einstanden, ist tro tz
und w irft sein dunkles Licht über die U rw älder         nützig fü r den Frieden wirken.
Asiens, die V/üsten Arabiens, die Prärien Amerikas                                                                   a lle r Fanatiker der W e lt nicht verloren. Jeder
und die G efilde Europas. W ie ein böser Komet            D abei ist d ie Erinnerung an das vie lle ich t tr a ­
begleitet dieses heillose Zeichen das W erden und         gischste O p fe r des religiösen und politischen Fana­     große G edanke, jede W ahrheit braucht ihre
Vergehen der Menschengeschlechter von den älte ­          tismus, das die N euzeit kennt, noch nicht v e rb la ß t:
sten Zeiten bis in unsere G egenw art. Fanatischer        an M ahatm a G andhi, den Mann, der sein ganzes            M ärtyrer. Die Kugeln, die gegen den Geist,
Vernichtungsw ille richtet sich gegen den G eist, der      Leben hindurch für die G ew altlosigkeit eingetre­
die W e lt ins Humane verw andeln möchte, gegen           ten ist und zuletzt einem G e w a lta k t erlag. Es        gegen die Freiheit, gegen die Versöhnlichkeit ge­
die Sucher vorurteilsloser W ahrheit, gegen alles,
was de r G e w a lt abho ld ist und nach menschlicher                                                                richtet sind, können zw ar den Menschen aus­
Gesittung und Ruhe und O rdnung strebt. W ir
                                                                                                                     löschen, der diese großen Postulate v e rtritt, ab er

                                                                                                                     d e r Sache selbst verm ögen sie nichts anzuhaben.

                                                                                                                     Sie ist unsterblich. A b e r ihre Früchte fa lle n uns

                                                                                                                     nicht in den Schoß. W e r die Beschaffenheit der

                                                                                                                     menschlichen N a tu r kennt und sich keinen Illusionen

                                                                                                                     über die brutalen Daseinsgesetze Fiingibt, w ird immer

                                                                                                                     bereit sein müssen, fü r den Frieden zu käm pfen

                                                                                                                     und sein Leben gegen allen Fanatismus fü r eine

                                                                                                                     humane W e lt einzusetzen.  H e r b e r t Roch
   1   2   3   4   5   6   7   8   9