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Aufnahm e: DENA-Bild                                                                          n an hört oft, im positiven wie im negativen Sinne,
                                                                                                                                                                 d ie J e s ts te ilu n g â– . d a s is t ty p is d h d e u ts d h l
                                                   LEON
                                                                                                                                                    W a s ist nun aber wirklidh typisdh deutsch? W ir ver-
                                                       BLUM                                                                                         sudbten einm al dahinter zu kom m en und baten deshalb
                                                                                                                                                    ein ige A u slä n d er, uns m it dem kritisch en Blidk desjen ig en ,
                                                   Ein guter Franzose und ein                                                                       der A b sta n d hat, die Eigenschaften und Eigenarten zu
                                                   ebenso guter internationaler                                                                     nennen, d ie sie fü r typisdh deutsdlo halten. U n s in ter­
                                                                                                                                                    essierten besonders die negativen, denn w ir hatten den
                                                                     Sozialist                                                                      H in terg ed a n k en , von dem g e sa g te n vielleidht zu lernen
                                                                                                                                                    und d a ß es außerdem etw as dazu tu n könnte, zwischen
L^on Blum schließt die Reihe d e r sozialistischen Senioren Frankreichs, die mit Eduard Vaillant und                                                unserer U m w elt und uns bessere K on takte w iederherzu­
Jules G u e s d e b e ginnt, mit Paul L afa rg e und A le x a n d e r Bracke ihre Fortsetzung fa n d und in                                         s tellen .
Marcel Sem bat und Jean Jaures endete. Der heute 76jährige, noch immer unermüdlich wirkende
Politiker Leon Blum ist nach Herkunft und Bildung am eheste n dem deutschen Ferdinand Lassalle                                                       D ie G eleg en h eit, ü b er sidh die W a h rh e it z u erfahren,
vergleichbar, nur d a ß diesen eben ein früher Tod von d er politischen Bühne rief, w ährend Leon                                                   ist höchst selten — w ie jeder A tensdb aus eigener Er­
Blum nach allen W echselfällen eines reichen politischen Lebens he u te noch als a b g e k lä rte r Be­                                             fahrung w eiß. W er sie einem sagt, der tu t einem dam it
                                                                                                                                                    einen G efallen.
rater seiner Partei weiter wirkt.
                                                                                                                                                     W ir w an dten uns m it unseren Tragen an Aiensdhen, von
L<§on Blum, 1872 in Paris als S ohn e in e s w o h l h a b e n d e n K a u fm a n n s g e b o r e n , schien ursprünglich                            denen w ir annahm en, d a ß sie den D eutschen gegenüber
ebensowenig wie der Breslauer Lassalle, der aus dem gleichen Milieu einer begüterten Kauf­                                                           nicht feindlich, sondern w ohlw ollend o b je k tiv eingestellt
mannsfamilie emporstieg, zum Volkstribun bestimmt. Philosophische und literarische Interessen,                                                       sind. D eshalb bitten w ir unsere Leser, die A n tw orten
T h ea te r und Kunst n a h m e n d e n jungen Rechtsanwalt in Beschlag, und erst als D reißigjähriger                                               als echte und ehrliche Treundschaftsbew eise anzusehen,
schließt er sich d er sozialistischen B ewegung an, d e ren Führung er w enige Ja h re nach-Jaures Tod                                               selbst dann, w enn es da b ei auch etw as bittere Pillen
übernim m t. Nicht e ig e n e N o t o d e r K lassenbew ußtsein führt ihn in diese Reihen, so n d e rn                                               zu schlucken gib t.
wissenschaftliche Erkenntnis und ein tiefes S tre b en nach so z ialer G e rec h tig k e it läßt ihn in die
A rb e ite rp a rte i übe rsiede ln, wie d a s in D eutschland e tw a bei W ilhelm Liebknecht und G e o r g                                          Herr 8» Ilman n , .. . . .
v o n Vollmar, bei W o l f g a n g H eine und A lb ert Sü d ek u m d e r Fall ist. A b e r noch w ä h r e n d er in
der politischen Arena eine schneidige Klinge führt und als Leitartikler der „Humanite fast                                                           ___________________ _______e h e m a l i g e r d e u ts c h e r
täglich zu allen politischen Fragen mit scharfer Feder und zw ingender Logik Stellung nimmt,                                                        Reichstagsabgeordneter und Innenminister, lebt
kehrt er doch immer wieder zu seinen schöngeistigen und künstlerischen Neigungen zurück.                                                            seit 15 J a h r e n in A m erik a und ist am erik an isch er
Er ü b e r r a s c h t a ls e b e n s o g r ü n d l ic h e r K e nn er d e r d e u ts c h e n und e n g lisc h en L iteratur w i e d e r            S t a a t s a n g e h ö r i g e r g e w o r d e n . Er h a t a b e r s e in e
französischen, um unvermittelt aus dem ästhetischen Salon auf den politischen Kampfboden                                                            Liebe für Deutschland bew ahrt und verfolgt alle
ü b e r z u g e h e n . In d e r fra n z ö sisc h e n K am m er g e h ö r t e r b a ld zu d e n a u s g e z e ic h n e ts te n Rhetorikern,         Geschehnisse mit großem Interesse. Als typisch
der nicht nur durch klare Darstellung der großen politischen Probleme, sondern auch durch die                                                       deutsch sieht er an:
fein ziselierten Form ulierungen die Z u h ö rer in seinen Bann schlägt.
                                                                                                                                                    1. . . . d a ß d ie deutschen Redner s o schreien.
Die politische „K arriere" führt Leon Blum zu d en höchsten und einflußreichsten Positionen                                                         2. . . . d a ß die jungen Leute in Deutschland
                                                                                                                                                    den Intellekt so stark überschätzen.
seines Vaterlandes. Sie beginnt mit dem A bgeo rd n eten m an d at für die Kammer und dem Staats­
                                                                                                                                                    3. . . . d a ß trotz d er u m w ä lz e n d e n W irk u n g
se k retariat im Kabinett Sem bat. Schon in d er Regierung Herriot Mitte d e r z w an z ig er Ja h re                                               des Krieges noch immer die Titelsucht grassiert.
                                                                                                                                                    4. . . . d a ß der Deutsche, w en n er politisch zu
bekleidet er eine einflußreiche Stellung und setzt sich für die Aussöhnung mit Deutschland tap fer                                                  denken oder zu handeln versucht, sich immer
                                                                                                                                                    an ein Parteiprogramm klammert und dies zu
ein. W äh re n d Hitler bei uns seine Kriegsvorbereitungen trifft, tritt er 1936 an die Spitze der                                                  seinem Glaubensbekenntnis erhebt.

Volksfront-Regierung und glaubt seinem Lande am besten zu dienen, wenn er trotz aller Provo­                                                          Mr. B ell E nglä nder, w a r dre i J a h r e in

kationen d er N aziregierung den gew altsam en Zusamm enstoß mit Deutschland verhütet. Hitler                                                       Berlin, zuerst als Theater-Offizier und später, seit
                                                                                                                                                    N o v e m b er 1946, als C hef d e r Information Services
bricht tro tz d em in Frankreich ein, Blum m uß 1940 nach London fliehen. N ach dem W affenstill­                                                   Branch. In d i e s e r E igenschaft und a u ß e r d e m a u s
                                                                                                                                                    g a n z privatem Interesse ist er mit vielen Deutschen
stand ins u nbesetzte Frankreich zurückgekehrt, internierte ihn die nazihörige Vichy-Regierung,                                                     d e r verschiedenartigsten Berufe in Kontakt ge-
                                                                                                                                                    köm m en. Seiner Ansicht nach ist typisch deutsch:
und so g e r ä t e r schließlich in die H ä n d e d e r deutschen G e sta p o s c h e rg e n , die ihn mit Reynaud,
                                                                                                                                                     1. . . . d a ß d ie D eutschen un terein an d er so
J o h o u x und zahlreichen a n d e re n politischen Führern Frankreichs in deutsche K onzentrationslager,                                          w e n ig nett, ja s o g a r oft b ö s e sind. Ein kleines
                                                                                                                                                    verhältnismäßig harmloses Beispiel dafür: Die
nach Sachsenhausen und Buchenwald, schleppen. Und selbst d o rt noch e rh e b t Blum seine Stimme                                                    deutsche Köchin in einem englischen Haus
                                                                                                                                                     kochte immer, wenn Deutsche zu Besuch
für die V erständigung d e r Völker und legt in einem geh eim en Pronunziam ento sein Bekenntnis                                                     kamen, schlecht und lieblos.
                                                                                                                                                     S c h w e r w ie g e n d e r ist d er Fall, d a ß Deutsche,
g e g e n G e w a lt ab. Von den Deutschen bis nach Südtirol verschleppt, wird er erst 1945 von den                                                  d ie z. B. in ir g e n d w e lc h e n Ämtern ein biß chen
                                                                                                                                                     Autorität bekomm en, sie so oft g e g e n ihre
alliierten Truppen befreit und begibt sich, ein fast 73jähriger Mann, sofort nach Paris, um an                                                      Landsmänner mißbrauchen.
                                                                                                                                                     2. . . . daß die Deutschen zu oft g e g e n etwas
d e r W ie d e r h e r s t e l l u n g se in e s sc h w e r g e s c h l a g e n e n L and e s zu helfen. Er m u ß a ls Z e u g e im P r o z e ß      sind. Vor allem politisch und ohne daß sie
                                                                                                                                                     etwas d a f ü r zu setzen haben.
gegen Marschall Petain auftreten, geht bald darauf als Sonderbotschafter nach W ashington, um                                                        3. . . . d aß im Theater auch bei schlechten A uf­
                                                                                                                                                     führungen lebhaft applaudiert wird.
in erfolgreichen V e rhandlungen die finanziellen G e fa h re n Frankreichs ü berw inden zu helfen, und
                                                                                                                                                     Dr. Hsiao Chinese, H e rau s g e b e r d er „ W e lt­
wird in schwersten Stunden 1946 noch einmal als M inisterpräsident, w enn auch nur für kurze
                                                                                                                                                     kugel" in Berlin, einer „Zeitschrift für V ölkerver­
M o n ate, berufen. Doch sein Arm ist nicht m ehr stark g enug, en tscheidenden Einfluß au f seine                                                   ständigung und den W eltfrieden", deren Unter­
                                                                                                                                                     titel zugleich Dr. H siao's persönliches B estreben
Landsleute a u szu ü b en . A b e r w ie er sich nicht g escheut hat, d em unversöhnlichen P oincare in                                              c h a r a k te risie rt. Er h ä lt für typisch d e u ts c h :

d e r Zeit d e r R uhrbesetzung scharf e n tg e g e n z u tre te n , so ist er auch 1945 in d e r Zeit d e s Hasses                                  1. . . . d a ß d ie D eutschen s o h u n d ertp rozen tig
                                                                                                                                                     sind. Der Deutsche ist zu gefühlsm äßig ein-
und der Vergeltungswut w ieder der erste, der seine Stimme für den Ausgleich mit Deutschland

erhebt. Mutig und konsequent verfolgt er seine Bahn, angefeindet von der „Rechten , gegen

die er immer sein scharfes Schwert geführt, ab er um geben von der Liebe seiner Anhänger, hoch­

geachtet von d e r geistigen Elite seines Landes.                        Paul Löbe
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