Page 7 - mosaik11_48
P. 7

JTufM.                                                                                                                                     von allen Seiten unterstützen möge - auch von draußen - ,

    eUühek                                                                                                                                 damit sie es behalten. W eiter: die schreienden Redner

                                                                                                                                           waren auch uns häufig ein Dorn im Auge oder vielmehr

                                                                                                                                           im Ohr. Auch der mangelnde Commonsense — wje oft

                                                                     P"                                                                    hat jeder von uns darüber zu klagen gehabt — „natürlich
                                                                                                                                           nicht in bezug auf sich selbst, sondern auf die anderen,
                                                                                                                                           oder etwa nicht? U n d der fehlende M u t zu sich — die
                                                                                                                                           mangelnde Zivilcourage in vielen Fällen — ist wirklich ein
                                                                                                                                           sehr bekanntes V b el. V n d aCb, die wirklich ganz u n ­

                                                                                                                                           zeitgem äße FitelsuCht, vielleicht mehr noch die Sinnlosig­

                                                                                                                                           keit einer hohlen, leeren Repräsentation, die wieder die

K ritik aus Gesprächen mit A u s lä n d e rn                                                                                               unseligen Schranken zwischen den „Klassen" aufriehtet
                                                                                                                                           und uns die große Chance, eine ganz neue, vereinfachte,

                                                                                                                                           uns gemäße Lebensform zu finden, verpassen läßt

                                                                                                                                           und, und, und . . . Z u jedem einzelnen P unkt ließe sich

                                                                                                                                           vieles sagen, ließe sich, auch wenn man die jeweilige

gestellt, zu wenig diplomatisch. Entweder alles                      au ß ergew öh n liche Vergleichsmöglichkeit. Ihre                     Richtigkeit anerkennt, manches erklären, entschuldigen,
od er gar nichts. Schon w ieder hört man: lieber                     Stärke ist, Politik mit ein em sehr weiblichen und                    entgegnen und die tiefen Zusammenhänge herstellen.
ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken o h n e                     geschulten psychologischen Verständnis zu erfassen                    W ährend wir aber diese unsere eigenen Antworten inner­
EncJe — und wir h a b e n d ie letzten Schrecken                     und zu interpretieren. Mdme. Auclair bezeichnet                       halb der Redaktion sorgfältig überlegten und formulier­
noch kaum überstanden. Man kann 99 Prozent                           als typisch deutsch:                                                  ten, fiel uns dabei ein und auf, daß wir damit wieder
gut sein, aber nur eine unangenehm e Aus­                                                                                                  einmal -^typisCh deutsch" reagierten. Der Deutsche näm ­
einandersetzung haben, schon schlagen die                            1. . . . d a ß im G e g e n s a t z zu e in em b e w u n d e r n s ­  lich hat für alles eine tiefgründige Erklärung bei eit und
meisten Deutschen k o m p r o m iß lo s mit der Faust                werten Opfermut und Fertigwerden bei den                              kann dann schwer dam it zurüCkhalten. Er kann nicht
auf den Tisch, ohne die 99 vo ra n g eg a n g en en                  praktischen Schwierigkeiten des Lebens eine                           schweigen — weise und nachdenklich schweigen .
Möglichkeiten zum vernünftigen Ausgleich                             erschreckende Unbeholfenheit und ein man­                             W ir wollten jedoch nicht ausgerechnet typisch deutsch
wahrzunehmen.                                                        g e ln d e r Wirklichkeitssinn in politischer Hin­                    sein! Darum schweigen wir. Darum überlassen wir es
                                                                     sicht besteht.                                                        Ihnen, liebe Leser, ganz für sich über die einzelnen
2. . . . d a ß der Deutsche zuerst d en Fehler beim                                                                                        Antworten nachzudenken. W ir glauben, es lohnt sih ,
anderen sucht, nicht bei sich, obw ohl auch von                      2. . . . d a ß in der deutschen Presse der überall                    denn viele der Aussagen schließen eine geradezu liebe­
der anderen Seite viele Fehler gem acht werden.                      auffallend klugen und verständnisvollen Kunst­                        volle Beschäftigung m it der deutschen M entalität ein
                                                                     kritik auf jedem G e b ie t ein e intolerante, v er­                  und verlieren an W ert und W irkung, wenn man ihnen
3. . , . d a ß d ie Deutschen oft d en A nschein der                 zerrte Polemik im Politischen gegenübersteht.
Gefährlichkeit erwecken.

Elizabeth Holt             Amerikanerin, ist                          Herr Monsen Presse-Attache der N o r ­                               Erklärungen gegenüberstellt. V n d außerdem, wenn wir
                                                                                                                                           die unsrigen gründlich gem ä h t hätten, da wir an­
der amerikanischen Militärverwaltung, Berlin, tätig.                 w e g isc h e n Militär-Mission, Berlin, lebt seit April              erkanntermaßen d o h sehr gründlich sind, wäre dabei
                                                                     1948 hier. Ihm und seiner Frau und Mitarbeiterin                      eine Sondernummer „M osaik" entstanden . . .
Sie hat alte Beziehungen zu Deutschland, da sie                      fiel als typisch deutsch auf:
                                                                                                                                           Eins aber sei n o h k u rz gesagt: Bei den A ntw orten
hier studierte, und freute sich, als leidenschaftliche               1. . . . d a ß der Deutsche zu gründlich und sy ste­                  unserer ausländischen Freunde ist uns folgendes auf-
                                                                     matisch ist und d ies e an sich positiven Eigen­                      gefallen: Sie alle sehen die Dinge mit ihren eigenen
Verfechterin der menschlichen Gerechtigkeit, diese                   schaften übertreibt und dadurch an Charme                             Augen, n a tü rlih , wie sollte es a u h anders sein. W ir
                                                                     verliert.                                                             meinen beispielsweise, die Feststellung, daß der Deutsche
Beziehungen wieder aufzufrischen. Nach ihrer Mei­                    2. . . . d a ß der D eutsche B e fe h ls e m p fä n g e r ist         zuerst den Fehler beim anderen sucht, n ih t bei s ih , ist
                                                                     und eher auf Verbote hört als daß er aus                              „typisch h i n e s i s h “. Der Chinese n ä m lih m a h l es im
nung ist typisch deutsch:                                            eigen er Erkenntnis der Richtigkeit einer Sache                       gegebenen Fall um gekehrt, er prüft erst einmal bei s i h
                                                                     etw as tut o d e r unterläßt.                                         nach, w eil er seit Getierafionen von K ind auf zur R ü h -
1. . . . d a ß w e n ig Deutsche C o m m o n s e n s e                                                                                     sih tn a h m e anderen gegenüber erzogen ist. Die in den
haben. Das heißt, ihnen fehlt das praktische                           Maria Bolina Russin, lebt seit einigen                              alten Familientraditionen zum Ausdruck kommende Ehr­
E infühlungsvermögen in ihre nächste und w e i­                                                                                            furcht vor dem Menschen ließe gar keine andere Reaktion
tere Umgebung sowie ein umsichtiges, un­                             Jahren als Privatperson in Deutschland. Ihr fiel als                  zu. W ie gut wäre es. könnten wir oder andere V ölker
beschwertes Vorausplanen zu ihrem eigenen                            typisch deutsch auf:                                                  diese duldsame Einstellung ein wenig übernehmen.
und dem W ohl aller — w as alles zusammen
d er A m e r ik a n e r mit g e s u n d e m M e n s c h e n v e r ­  . . . daß es den Deutschen an Mut zu sich selber                      V n d ist es nicht „typisch a m e rik a n ish ", wenn M rs. Ftolt
stand bezeichnet.                                                    fehlt.                                                                in der oft sehr harten, unverbindlichen Form des Deut-

2. . . . d a ß d ie Deutschen w e n ig W e r t au f ein
selbstverständliches persönliches Verantwor­
tungsbewußtsein legen.

3. . . . d a ß sie in G esellsch a ft unhöflich sind.

                                                                                                                                           sh e n , die unserer M einung n a h eher aus einer iüneren

  Manuel Gasser Schweizer, internatio­                               Nachdem Sie nun — als deutscher Leser — die ver­                      V n s ih e r h e it kom m t, V n h ö flih k e it sieht? Für sie als
                                                                     schiedenen kritisdben Feststellungen und Beobachtungen                Amerikanerin ist jene lähelnde N a tü rlih k e ii und liebens­
naler Journalist und Mitarbeiter der „W eltw oche                    zur 'Kenntnis genommen haben, vielleicht ein bißchen                  würdige Qrazie im V m g a n g mit M e n sh e n selbstver-
Zürich", der „Baseler Nationalzeitung", der „N eu en                 nachdenklich und ebenfalls kritisch, sagen Sie vermutlich:            ständlih, sie gehören nun einmal zum Leben. V n d
Zeitung", hat nach Kriegsende fast ganz Europa                       Ja, das stim m t eigentlich alles, aber . . .                         Leben ist etwas E rfreulihes, dessen Gestaltung man zum
und Deutschland bereist und sehr frische Eindrücke                                                                                         großen Feil selbst in der Jiand hat oder hätte, wenn
gesam m elt. Er sagt, seiner Ansicht nach w ä r e                    Of f en gestanden, waren auch wir versucht, uns dazu zu               man wollte.
typisch deutsch:                                                     äußern. W ir batten unsere Erklärungen und Entgegnun­
                                                                     gen sogar zum Feil sCljon fix und fertig. Es sind unter               Aber bleiben wir n o h einen Augenblick beim Kapitel
. . . daß die Deutschen noch so viel W ert auf                       den K ritiken schließlich solche, die unsere eigenen, schon           V ö flih k e it-V n h ö flih k e it, das wir als D e u tsh e besonders
Repräsentation legen. Zum Beispiel, daß sie                          lange gehegten Kümmernisse plötzlich aus dem Dunkel                   heut mit einem etwas hilflosen, shuldbew ußten A h se l-
die größten O pfer bringen, um repräsentative                        des sonstigen stillschweigenden Tibergehens hervorholten              z u h e n abzutun pflegen: Bei allen Antworten, die wir
W ohnräum e zu besitzen, daß junge M än­                             und nach Zustim m ung verlangten. So z. B. die Fatsaöhe,              bekamen, war eine bestrickende F löflihkeit „ typish
ner an heißen Sommertagen Handschuhe                                 daß viele Deutsche sich gern den Anschein der Gefähr­                 u n d e u ts h “. Jene W ahrheiten wurden uns sozusagen
spazierentragen — nicht etwa anziehen, daß                           lichkeit geben. W ir kennen jene Elemente, die immer                  h a rm a n t serviert — meistens mit leisem Zögern und
die angeblich modernen, neu aufgebauten                              mit dem Säbel rasseln müssen (den sie Qott sei Dank                   größerer B ereitshaft, positive E igenshaften zu sehen
Theater im alten Pomp w iedererstanden sind                          gegenwärtig nicht mehr besitzen), wohl alle. W ir wollen              und zu sagen an Stelle der negativen, die wir uns aus
u. a. m.                                                             sie einmal „Rabauken" nennen und wünschen, daß nicht                  bereits oben erwähnten Gründen ausdrücklich w ünshten.
                                                                     sie, sondern die anderen, die Vernünftigen und Gesitteten,            Dies feststellen zu können war w ohltuend und s h u f eine
 noim u1*!**** Aiiclair | Franzö sm/ Sonder-                         das Steuer in die Ftand nähmen und daß man sie dann                   Atm osphäre gegenseitiger E insiht. W ir wären froh, sie
                                                                                                                                           hiermit ein wenig w eiterreihen zu können.
berichterstatterin des „Figaro", Paris, hat viele
Europa-Reisen gemacht und besitzt dadurch eine
   2   3   4   5   6   7   8   9   10   11   12