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iilii                                      IBLIIH» A U F

              Bei B elgrad: Jenseits der Save bauen Jugendliche ein „N eu -B e lg ra d " auf . . .                                        AUS DEM TAGEBUCH
\ir ^ :
                                                                                                    W ir fahren seit 36 Stunden quer durch die Lombardische Ebene auf durstiger
                     und nach Feierabend bespricht der „B rig a d ie r” mit ihnen den Fortschritt    Erde. Es ist Sommer, und der Himmel lastet au f uns. Nun nähern w ir uns
                                                                                                    den schw ergeprüften Städten, in denen sowohl der Krieg als auch der Frieden
                                                                                                    der Menschheit Q ual und Tod brachten.

                                                                                                    TRIEST. Ich tre ffe in dieser lächenden H afenstadt ein. Die Fassaden stammen
                                                                                                    aus der Franz-Jösephinischen Zeit: große, gelbliche G ebäude aus der Jahr­
                                                                                                     hundertwende beschatten ärmliche Häuser, die wie kletternde Ziegen auf
                                                                                                     steilen Abhängen stehen. M it den von vielen kleinen Kindern bevölkerten
                                                                                                     Höfen, in denen die W äsche trocknet, täuschen sie ein süditalienisches Land­
                                                                                                    schaftsbild vor. Die Menschen träumen noch von der goldenen Zeit der Habs­
                                                                                                     burg-M onarchie, sie sprechen auch von römischer Kultur, westlichen Lebens­
                                                                                                    form en, von Freiheit und von Reichtum. Sie fürchten Titos Herrschaft und
                                                                                                    w ollen italienisch bleiben.
                                                                                                    Als ich zum letzten M ale hier w ar, w ohnte ich den von der Polizei geleiteten
                                                                                                    grausigen Ausarabungen bei. In die hundert M eter tiefen G rotte n des k a lk ­
                                                                                                    steinigen G ebirges um Triest w aren in den M onaten A p ril und M ai des
                                                                                                    Jahres 1945 Tausende von Menschen ge w o rfe n w orden. „Faschisten, K ap i­
                                                                                                    talisten, Reaktionäre, V e rrä te r", behaupteten Titos Soldaten. Ein M ann nach
                                                                                                    dem anderen w u rde durch einen Schuß in den Nacken g e tö te t und s till­
                                                                                                    schweigend in den A bgrund gestoßen.
                                                                                                     Drei Jahre später w urden nach langem, erfolglosem Suchen ihre Leichen
                                                                                                    geborgen. Es w aren keine Leichen mehr. Mühsam versuchten T otengräber
                                                                                                     und Ä rzte, die Knochen aneinanderzufügen. Es schien unmöglich, den einen
                                                                                                    o d er anderen Menschen zu identifizieren. A be r um die G rotte n herum stan­
                                                                                                    den M ütter, Kinder, junge W itw en, und wenn durch einen glücklichen Zufall
                                                                                                    ein kleines Andenken an die O berfläche geschafft w urde — ein Rosenkranz,
                                                                                                     ein Kreuz, ein M e d a illo n , das eines der O p fe r w o hl bei sich getragen
                                                                                                     hatte — , dann w anderte diese Reliquie von Hand zu Hand, und alle diese
                                                                                                    Menschen, die seit Jahren auf ihre Liebsten w arteten, v/einten.

                                                                                                     LJUBLIANA. Ich denke an den gro ß a rtige n M aler, den ich — es sind nun
                                                                                                    zwei Jahre her — hier traf. W ährend der italienischen Besetzung hatte er
                                                                                                    die Kirche seines Dorfes mit großen Fresken ausgestattet, die die Gleichnisse
                                                                                                    aus den Evangelien darstellten. „D e r Teufel hatte stets Mussolinis oder
                                                                                                     Hitlers Gesicht", erklärte er mir, lachte und strahlte, und sein roter Bart,
                                                                                                    seine blauen Augen und sein braves Bauerngesicht leuchteten auf. „D ie
                                                                                                     Ita lie ne r w aren im D o rf, sie suchten nach m ir — vergebens." Plötzlich jedoch
                                                                                                    verfinsterte sich sein A n tlitz : „D ie Partisanen um mich herum a b er w urden
                                                                                                    a lle festgenom m en und getötet. Das D o rf w u rde verbrannt, ich w eiß heute
                                                                                                    noch nicht, w o die Angehörigen meiner Kameraden herumirren. Dann kam
                                                                                                    Tito — und be fre ite uns . . ."

                                                                                                    ZAGREB. Auch hier w e ilte ich vo r zw ei Jahren. Es ist die Stadt de r blauen
                                                                                                    Donau und der Erinnerungen an A nte Pavelitschs Schreckensherrschaft. Durch
                                                                                                    Hitlers Verschworene unterstützt, zwangen die Ustaschis serbische O rth o d o xe ,
                                                                                                    zum Katholizismus überzutreten. W er W iderstand leistete, w urde geköpft.
                                                                                                    Das Blutbad nahm kein Ende. Rümpfe und gespaltene Schädel v/urden jn
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