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a iiC O iM H /IE M                                                                                                                                          H+dheute

EI N ER AUSLÄNDISCHEN JOURNALISTIN / VON DENYSE B E R G E R

die D onau g e w o rfe n und durch die W o g e n nach Belgrad gespült. „D a m a ls",                  stellung eines gegen a lle „B o u rg e o is " und fe u d a le n Einrichtungen a u f­
sagte m ir eine serbische Frau, „w a r d ie blaue Donau rot, und w ir standen
am U fe r und suchten d ie Leichen unserer M ä n n e r zu erke nne n — es w a r                       gehetzten V olkes, das nun endlich seine „R evanche" nehmen w ill. Aus d ie ­
eine H ölle, ab e r Tito kam ..
D e r Z ug fä h rt, h ä lt, fä h rt und h ä lt — und e n d lich , e n d lich sind w ir in             sem G ru n d e b in ich auch rech t m iß tra uisch d ie s e r j u n g e n H e im a rb e ite rin
B e lg ra d , in Titos B e lg ra d ! — U n te rw e g s sagte m ir eine junge K ro a tin :
„S ta lin h a t T itos R egim e a n g e g riffe n , es ist t o ll! W ir sind d ie besten K o m m u ­  g e g e n ü b e r, d ie k ü rz lic h ins H o te l ka m , m ir b u n te S ticke re ie n a n z u b ie te n .
nisten d e r W e lt, w ir a l l e halten zu T ito !" — A l l e ?
                                                                                                      „S ind Sie v e rh e ira te t o d e r nicht? H aben Sie ein H e im ? " fra g te sie. c i
BELGRAD. D ie Sonne ist ro t und rund, d ie S ta d t ist in eine s a ffra n fa rb ig e
Tünche getaucht: hier einige Hochhäuser, d o rt n iedrige Bauernhäuschen,                             k a u fte ih r schw eigend e in ig e Deckchen ab, w e il sie m ir leid ta t  aber
dazw ischen d e r A usblick a u f die Save, d ie durch rosafarbenen Sand flie ß t
und w ie ein W ü s te n b ild erscheint. Unter d e r brennenden Sonne geht ein                        se ith e r erscheint sie o ft nach d e r M itta g sstu n d e in m einem H otel und schleicht
T rupp Z w a n g s v e ru rte ilte r im g e s tre ifte n S trä flin g sa n zu g — rechts und links
schw arzgekleidete M iliz.                                                                            w ie ein G e ist durch d ie leeren G ä n g e bis zu m einem Zim m er. A lles schläft
„D a s sind G e fa n g e n e ", sagt m ir d e r Freund, d e r mich am B ahnhof a b h o lte .
„Sie kom m en nach Belgrad, um a b g e u rte ilt zu w e rden."                                        um diese Z eit, und w ir sind u n g estö rt. Sie ist nicht zu d rin g lich . Sie setzt

„P olitische H ä ftlin g e ? "                                                                        sich a u f ein e n Sessel w ie e in a rtig e s K ind und sie h t mich m it ihren schw arzen
„ J a w o h l, nur w e iß m an h e u te nicht, o b es sich um » R e a ktio n ä re « o d e r um
»Stalinisten« h a n delt, T ito k ä m p ft a u f zw ei Fronten."                                      Augen an und fra g t, fra g t ohne Unterlaß.

 Im H o te l a n g e la n g t, w e rd e ich vo n d e n B licken des P o rtie rs a b g e w o g e n .   O b dieses Regim e w o h l e in m a l e n d en w e rd e und o b ich ih r nicht zu einem

„S ie wünschen ein Zim m er m it Bad? Ihr N a m e ? "                                                 Paß v e rh e lfe n k ö n n te , sie w o lle so g e rn ins A u s la n d fa h re n ? O b J u g o ­

 Ich nenne schüchtern m einen N a m e n .                                                             slaw ien w irklich geeint bleiben müsse unter         Titos H errschaft? O b sie nicht
 „W a rte n Sie", sagt er, „ich w e rd e m it dem M in ister te le fo n ie re n ." Langes Hin
 und H e r in se rb isch e r S prache. Ich ve rste h e nur m einen N a m e n und d en                 besser tä te , nach S lo w enien, in ihre H e im a t  üb e rzu sie d e ln , w o sievie lle ic h t
 m e in e r Z e itu n g , d ie ö fte r g e n a n n t w e rd e n . Er le g t den H ö re r hin.
                                                                                                      eher w ieder „b e fre it" w ürde?
 „K e in B a d e z im m e r fü r Sie, m eine D a m e ." Ich la n d e in einem tra u rig e n
 Zim m erchen, h in te r dem Fenster lie g t ein w in z ig e r H o f, d ie Sonne ist in               Ich w e ich e im m e r aus, ich b in w o r tk a r g , m an ch m a l u n te rstre ich e ich s o g a r
 v o lls te r G lu t, d ie H itze m acht mich krank und v e rz w e ife lt.                            die tatsächlichen V o rte ile d e r neuen Verfassung Jugoslaw iens. A b e r am
                                                                                                      V o ra b e n d m einer A b re ise beschließe ich, dieses M ädchen etw as h ä rte r an ­
 „D ie guten Z im m e r", sagt d e r G e p ä c k trä g e r in g edrücktem Ton, „sin d nur             zu p a cken . Ich re ich e ihr u n v e rm itte lt ein e n T au se n d -D in ar-S ch e in (eine
 für die Freunde des Landes da."                                                                      Riesensumme fü r jugosla w isch e V erhältnisse) und sagte schnell: „D a s ist fü r
                                                                                                      Sie, da Sie so arm sind, a b e r nun sagen Sie m ir auch, w e r Sie b e a u ftra g te ,
 In B e lg ra d w e h t W ü s te n w in d , d e r Sand w ir d a u fg e w irb e lt, m itte n in d e r  bei m ir n a ch zu sp io n ie re n ? " Sie w ird ro t, ve rle g e n , steckt das G e ld ein und
 S ta d t sie h t m an kaum z w e i M e te r v o r sich. W ir sind e in e frö h lic h e a u s­        h a t Tränen in den A ugen. „Ich w a r doch nur b e a u ftra g t, zu m elden, wenn
 lä n d isch e G e s e lls c h a ft und steuern d em G a s th o f zu, in dem w ir ein e n Tisch,      m ir etw a s A u ß e rg e w ö h n lich e s a u ffie l — es ist m ir bei Ihnen nichts a u f­
 b e ste llt haben. Der K e lln e r fü h rt uns in einen hellen Raum, W ä n d e und                   g e fa lle n . Schw eigen ist G o ld ."
 Decke sind m it lichter Kretonne a u stap e zie rt — eine B onboniere, ohne                          „ G u t" , sage ich, „a b e r w as suchten Sie nun e ig e n tlich bei m ir? "
 Ecken, oh n e Aussicht. A b e r es sind Blum en a u t de m Tisch, re in e Tischtücher
 und S e rv ie tte n , und d ie M a h lz e it ist a u sg eze ich n e t.                               „H o ffn u n g ", sagte sie und stand m ir g e ra d e gegenüber. Ihre Augen ließen
                                                                                                      m eine nicht los. „S ie haben m ir w e n ig H o ffn un g gegeben. Dennoch, w ir
 „Es lä ß t sich le b e n in d e r V o lk s d e m o k ra tie " , sa g t m einN a c h b a r. In dem    hoffen! Ja, w ir a lle, w ir hoffen a u f euch!"
 A u g e n b lic k h ö re n w ir ein e n sch rille n Laut, o b e n an d e r Decke. Es p fe ift,
 schreit, röchelt, summt und verstum m t. W ir heben den Blick, v e rw irrt, ge-                      „ W iß t ih r d e n n ü b e rh a u p t, w a s im A u s la n d e v o rg e h t? " fr a g e ich e rsta u n t.
 ä n g stigt. „N ic h ts ", sagt m ein G e g enüber, ein D ip lo m a t, d e r schon lange
 h ie r ist. „D a s M ik ro fo n w a r schlecht e in g e s te llt."                                   „ W ir haben noch da und d o rt einen R a d io a p p a ra t, und w ir lauschen, o b ­
                                                                                                      w o h l es v e rb o te n ist, das A u sla nd a bzuho rche n. G estern w a re n w ir sehr
 W e n n w ir an diese Menschen hinter dem Eisernen V o rh a ng denken, so ve r­                      böse a u f Sie, denn w ir dachten, Sie w ü rd e n das neue D o nauabkom m en
 gessen w ir o ft d ie erb a rm u n g slo se P o lize ih e rrsch a ft und leben in d e r V o r­       u n te rze ich n e n . A b e r a b e n d s kam ich zu m einem S ch w a g e r, und er s a g te :
                                                                                                      »Sie h a b en nicht u n te rze ich n e t, ich w u ß te es d o ch , C h u rch ills P o litik w ird
                                                                                                      s ie g e n « ."
                                                                                                      N u n w e in t sie und w ischt d ie Tränen m it dem H andrücken von den W a n g e n .

                                                                                                      Ich w e rd e m e in e r Rührung nicht g u t H e rr: „K a n n ich im A u s la n d e e tw a s fü r
                                                                                                      Sie tu n ? " fr a g e ich. „ W o lle n Sie an je m a n d sch reiben o d e r sonst e tw as
                                                                                                      bestellt haben?"

                                                                                                      Sie schüttelt den K o p f, w ü te n d a u f sich, w e il sie g e w e in t hat — denn diese
                                                                                                      M enschen sind h art und stolz.

                                                                                                      „S a g t nur a lle n M enschen, d a ß J u g o s la w ie n nicht to t ist. W ir leben m it
                                                                                                      d e r H offnung, und wenn's sein muß, w e rde n w ir fü r diese H offnung sterben.
                                                                                                      Es w ird sich ä n d e rn !"
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